Warum man (gerade in der Stadt Sepp Herbergers) Lothar Binding nicht wählen kann
19. Juni 2008: im Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft spielt Deutschland im Baseler St. Jakob Park gegen Portugal. Es läuft die 89. Spielminute. Nachdem Portugal zwei Minuten zuvor den Anschlusstreffer zum 3:2 erzielt hat, zittern Millionen deutsche Fans zu Hause vor dem Fernseher und vor den Public-Viewing-Leinwänden dem Schlusspfiff des Schiedsrichters entgegen. Wie lange wird er nachspielen lassen? Schafft unsere Mannschaft den Einzug ins Halbfinale oder droht eine Verlängerung?
Während einer Spielunterbrechung zoomt die Kamera wie schon mehrfach zuvor kurz hinauf in eine Business-Loge, wo Bundestrainer Jogi Löw ohne Kontakt zur Außenwelt hinter dickem Glas das Spiel verfolgen muss. Nach einem Disput mit dem vierten Offiziellen im Vorrundenspiel gegen Österreich war er von der UEFA mit einem Spiel Sperre belegt worden. Schemenhaft erkennt man, wie Löw nervös mit fiebert und sich eine Zigarette anzündet. Nach vier langen Minuten Nachspielzeit pfeift der schwedische Schiedsrichter endlich ab. Die Fans in ganz Deutschland liegen sich in den Armen und feiern den Einzug der Mannschaft ins Halbfinale.
Ein Zuschauer sieht gar doppelten Grund zur Freude: Lothar Binding, der unermüdliche Kämpfer für den Nichtraucherschutz, glaubt, dass nun seine große Stunde gekommen ist. Im Interview mit der Nachrichtenagentur AP spricht er Jogi Löw postwendend die Vorbildfunktion ab: “Mit der Macht, die Herr Löw durch seine Vorbildfunktion hat, sollte er sich auch seiner Verantwortung bewusst werden — nicht zuletzt für die Gesundheit von Jugendlichen.” Der Bundestrainer sei “nicht so diszipliniert, wie er es immer von seinen Spielern erwarte.” Es stelle sich die Frage, “ob Jogi Löw Trainer, Sportler oder Raucher ist.”
Das öffentliche Echo für Binding ist verheerend. Die Zeitungen stürzen sich auf die Zitate des “Hinterbänklers” und nehmen sie zum Anlass für ironisch-bissige Kommentare zur Lage der SPD. In den Internetforen hagelt es Hohn und Spott (”Herr Binding möge mir bitte den Jugendlichen zeigen, der sagt: ‘Boah, der supercoole Bundestrainer raucht, dann rauche ich jetzt auch!’ Es tragen ja auch nicht allzu viele Jugendliche in Deutschland transparente weiße Herrenhemden und Pilzköpfe. Zumindest sagt man mir nichts davon” [Quelle]). Schließlich distanzieren sich auch Vertreter der SPD von Bindings Äußerungen. Aufgrund des unerwarteten Echos sieht sich Binding gar veranlasst seine Vorwürfe zu entkräften.
Mehrfach wird der Bundestrainer im weiteren Verlauf des Turniers von Journalisten auf Bindings Vorhaltungen angesprochen. In einem Interview mit der Welt vom 22. Juni 2008 entgegnet er: “Was soll ich dazu sagen? Es ist doch meine private Sache. (…) Ich bin auch nur ein Mensch, der Stärken und Schwächen hat. Ich rauche eben manchmal eine Zigarette oder trinke am Abend ein Glas Rotwein.”
Man könnte diesen Zwischenfall unter der Rubrik “Profilneurose” ablegen. Jedoch spricht aus dieser Anekdote einmal mehr das etatistische Weltbild von Lothar Binding und der SPD: Der Staat (besser: die SPD) weiß am Besten was die Bürger zu tun und zu lassen haben. Die Werte Individualität, Eigenverantwortung und Freiheit kommen dort allenfalls als Lippenbekenntnisse vor. Die wahren Ziele heißen Gleichmacherei, Bevormundung der Bürger und Sozialismus. Um beim Fußball zu bleiben: Es ist Zeit, Lothar Binding und der SPD am 27. September die rote Karte zu zeigen; auch und gerade in Weinheim.
P.S. An dem Tag, an dem Lothar Binding den Altkanzler Helmut Schmidt vom Nichtrauchen überzeugt, spende ich — ein überzeugter Nichtraucher — 100 Euro in die Parteikasse der SPD.